Trainerseminar 'Capoeira Kindertraining' mit Mestre Ferradura in Alicante
- artenacionalcapoeira
- 30. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Am vergangenen Wochenende hatten wir, Mestre Dedé und Professor Raj, die Gelegenheit, in Alicante an einem Trainerseminar für Kindercapoeira teilzunehmen, das uns besonders tief berührt hat: eineinhalb Tage intensives Trainerseminar mit Mestre Ferradura, in dem es ausschließlich um Capoeira Kindertraining ging.
Unsere Erfahrung
Schon beim ersten Moment war klar: Dies sollte kein gewöhnliches Seminar werden. Mestre Ferradura verband Theorie und Praxis so, dass wir uns gleichzeitig als Lernende, Lehrende und Kinder fühlen konnten.
Wir erlebten, wie wichtig es ist, Kindertraining nicht nur über Technik zu definieren, sondern über Werte, Spiel und Gemeinschaft. Jede Methode durften wir praktisch ausprobieren: Vom Aufwärmspielen bis zum Hindernisparcour – und anschließend gemeinsam reflektieren. Dieses Lernen am eigenen Körper war unglaublich bereichernd.
Zielstellung: Potentialentfaltung der Kinder
Um was geht es eigentlich beim Capoeira Kinder Training? Für Eltern die Ihre Kinder in Freizeitaktivitäten anmelden, und auch für die Kinder selbst, geht es oft nicht primär darum, "Capoeira zu lernen“. Vielmehr geht oft um den Wunsch dem Kind die Möglichkeit zu geben sein/ihr Potenzial zu entfalten, und dabei Spaß zu haben.
Capoeira vereint in unvergleichbarer Weise Spiel, Bewegung, Musik, Tanz, Akrobatik, Kampf, Sprache und Kultur – eine Kombination, die es so in keiner anderen Disziplin gibt:
Nicht im Kinderturnen, nicht im Fussball, nicht im Karate, nicht im Ballett, nicht in der Musikschule, nicht beim Sprachunterricht.
Die Basis: Vier Säulen des Capoeira Kindertrainings
Was ist eigentlich gutes Kindertraining? Im Austausch mit Mestre Ferradura wurde für uns noch deutlicher, dass qualitativ gutes Kindertraining auf vier Säulen basiert:
1. Sicherheit
Sind wir als Trainer:innen pünktlich vor Ort, um die Kinder zu empfangen? Ist der Raum sicher? Ist das Handy geladen und erreichbar im Notfall? Welche Bewegungen und didaktischen Methoden eignen sich für welches Alter? – All das sind Grundpfeiler. Auch unsere eigene Ausbildung als Trainer:innen spielt eine zentrale Rolle. Und ebenso wichtig: Können wir als Trainer:innen psychologische Sicherheit und emotionale Sicherheit gewährleisten? Fühlen sich die Kinder angenommen, gehört und respektiert – unabhängig von ihrem Können, Temperament oder ihrer Herkunft?
2. Unterhaltung
Kinder wollen Spaß haben – und Capoeira bietet unendlich viele Möglichkeiten. Doch die Methoden müssen zur Zielgruppe passen. Ein einfaches Beispiel: Es macht einen riesigen unterschied ob eine Bewegung durch stupide Wiederholung geübt wird – oder durch ein Spiel, das dieselbe Technik vermittelt, das am besten noch Musik verknüpft und in der Phantasiewelt der Kinder verankert ist.
3. Wissensvermittlung
Gutes Kindertraining bedeutet, vom Bekannten zum Unbekannten zu arbeiten und die Grenzen Schritt für Schritt zu erweitern. Das gilt für Capoeira Bewegungen, und auch für Sprache und Kultur. Portugiesische Kinderlieder lassen sich z.B. leicht in andere Sprachen übertragen. Auch kulturelle Themen können auf das Vorwissen der Kinder aufbauen: In Deutschland etwa, wenn wir über Tiere sprechen – Elefanten und Löwen sind bekannt, doch wir können mit Spielen und Liedern neue Tiere aus Afrika oder Brasilien hinzufügen und gleichzeitig Bewegung, Sprache und Kultur verbinden.
4. Grenzen
Klare, nicht verhandelbare Grenzen sind essenziell: keine unnötigen Risiken – weder für die Kinder selbst, noch für andere, noch für das Equipment oder die Unterrichtsstunde. Nur so können wir einen sicheren und respektvollen Rahmen schaffen, in dem Kinder sich frei entfalten können. Wichtig ist: Es wird nicht mit Strafen gearbeitet, sondern mit klaren, angemessenen Konsequenzen.
Aufbau des Kindertrainings
Art der Übungen
Ein besonders spannender Teil des Seminars war die Auseinandersetzung mit dem Aufbau einer Trainingseinheit für unterschiedliche Altersgruppen im Capoeira Kindertraining. Wir lernten:
Ankommen & Aufwärmspiele, die sofort eine positive Atmosphäre schaffen
Musikübungen, die Kinder für Rhythmus und Gesang öffnen
Spiele zur Integration aller Facetten der Capoeira – Bewegung, Kampf, Akrobatik, Musik und Sprache
Hindernisparcours, bei Allen beliebt, der Motorik, Kreativität und Teamgeist zusammenkommen
Cooldowns, die Kindern helfen, nach der intensiven Aktivität zur Ruhe zu kommen
Uns wurde noch bewusster, wie wichtig es gerade zu Beginn der Stunde ist, dass Kinder rennen, schreien und Räder schlagen dürfen. Diese Ausdrucksformen sind keine „Störungen“, sondern elementare Bedürfnisse – und wenn wir sie einbeziehen, entsteht eine positive Basis für das ganze Training.
Wir lernten außerdem, wie hilfreich es sein kann, Symbole, Spielzeug und einfaches Equipment einzusetzen, um die Energie und Kreativität der Kinder gezielt zu lenken.
Je besser das Willkommensspiel gelingt, desto konzentrierter und aufnahmefähiger sind die Kinder im anschließenden Training.
Auswahl und Konzeption der Übungen
Besonders eindrucksvoll war für uns auch, wie ganzheitlich man Übungen gestalten kann wenn man einfache Spiele, konkrete Übungen und Musik verbindet.
Ein wichtige Check um zu beurteilen wie gut eine Übung konzipiert ist, sind drei Kenngrößen:
Die Zeit die Kinder in Bewegung sind - Wartezeiten oder Schlangenbildung sollten vermieden werden.
Die Anzahl der verschiedenen Bewegungen bzw trainierten Aspekte während der Übung
Die Steigerung der Schwierigkeit - werden Kinder verschiedener Trainingsniveaus adäquat gefördert.
Beispiel - Erlenen des Rads:
Option 1 - Eine lange Schlange in der jedes Kind eine Bahn mit Rad macht.
Zeit: Kinder warten in der Schlange
Varianz: Eine Bewegung
Steigerung: keine - für Anfänger: zu schwer, für Fortgeschrittene: zu langweilig.
Option 2 :
Es wird Fange gespielt mit kurzen Schwimmnudeln - Das macht allen Spaß
Wer möchte fangen? Der der sich die meiste Mühe gibt das Rad zu macht. Dabei kann gewählt werden: kleines Rad, Rad mit gestreckten Beinen, mit einer Hand, ohne Hände, - Das gibt Ansporn und erreicht die Steigerung der Schwierigkeit
Der Lehrer macht neben her Musik und singt ein Lied über ein Tier - Das bringt Stimmung und vermittelt Wissen/Kultur
Wer gefangen wird macht die entspreche Tierfigur - Das bringt zusätzliche Varianz in den Bewegungen während der Übung.
Was würde Ihrem Kind mehr bringen und mehr Spaß machen?
Entwicklungsphasen und „die Filme der Kinder“
Ein zusätzlicher Aspekt, der uns im Seminar bewusst wurde, ist die Frage: In welchem „Film“ befinden sich Kinder je nach Alter?
Bis ca. 4 Jahre – Narnia: Kinder sind komplett in ihrer Fantasiewelt. Alles kann verzaubert sein, jedes Spielzeug hat ein Eigenleben.
Bis ca. 6 Jahre – Harry Potter: Ein Fuß in der Realität, ein Fuß in der Fantasie. Magie und Wirklichkeit fließen ineinander, Kinder wechseln blitzschnell zwischen beidem.
Bis ca. 12 Jahre – Superhelden: Das Verständnis für Rollen, Kräfte und Heldenfiguren ist da. Kinder wollen ihre Stärke beweisen, Fähigkeiten zeigen und sich mit anderen messen.
Ab ca. 12 Jahre – Ikarus: Jugendliche spüren die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten, hoch hinauszufliegen, manchmal auch Risiken einzugehen. Sie wollen ausprobieren, wie weit sie gehen können – und brauchen dabei klare Orientierung und verantwortungsvolle Begleitung.
Diese Bilder haben uns geholfen zu verstehen, welche Methoden je nach Alter passend sind: vom spielerischen Clown, der kleine Kinder in ihrer Fantasie abholt, bis hin zum Drill Sergeant, der älteren Kindern Struktur, Ernsthaftigkeit und sportliche Herausforderung bietet.
Wichtig ist dabei: Beide Rollen – Clown wie Drill Sergeant – sind Werkzeuge, die wir situativ anwenden können, je nachdem, was die Gruppe gerade braucht. Kein Kind sollte dauerhaft in einer einzigen Methode trainiert werden – die Kunst liegt darin, flexibel auf die jeweilige Entwicklungsphase und den Moment zu reagieren.
Und Natürlich: Diese Bilder dienen als Richtwerte, um die Methodik altersgerecht anzupassen. Natürlich entwickeln sich Kinder unterschiedlich – das Ziel ist, die Trainingsgestaltung auf den aktuellen „Film“ der Gruppe abzustimmen, statt starr nach Alter vorzugehen.
Equipment für kreatives Kindertraining
Ein Highlight des Seminars war auch die Vorstellung von einfachen, aber extrem vielseitigen Materialien, die wir unbedingt in unser eigenes Training übernehmen werden:
Schwimmnudeln (gekürzt): als Reaktions- oder Fangspiel, für Partnerübungen, kleine Kämpfe, als Parcours-Hindernis oder sicheres Wurfgeschoss
Bälle: für Koordinations- und Fangspiele, Rhythmus Übungen, Partneraufgaben oder als Zielobjekt im Parcours
Elastische Bänder: für Widerstandsübungen, Partnerbewegungen oder spielerische Kraft- und Beweglichkeitsaufgaben
Diese Materialien sind günstig, sicher, leicht zu transportieren – und eröffnen unzählige Möglichkeiten, Capoeira spielerisch, abwechslungsreich und kindgerecht zu gestalten.
Die Horror-Stunde - Anwenden des Gelernten
Ein Teil des Seminars galt auch des konkreten Übens vom Umgang mit gefährlichen Situation incl. Kind stört den Unterricht, Kind bringt sich oder andere in Gefahr, Medizinischer Notfall.. am besten alles hintereinander. Es gilt Gefahren frühzeitig zu erkennen und zu adressieren, Grenzen zu setzen, kühlen Kopf bewahren, adäquat und empathisch handeln.
Der Austausch mit anderen Trainer:innen
Ein weiterer wertvoller Aspekt dieses Capoeira Seminars war für uns der Austausch mit den anderen Trainer:innen. In den Pausen, bei Gruppenarbeiten und in den gemeinsamen Reflexionen konnten wir Erfahrungen vergleichen, Methoden diskutieren und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. Gerade weil jede:r Trainer:in mit einer anderen Realität arbeitet – sei es in Bezug auf Altersgruppen, Trainingsumfeld oder kulturellen Hintergrund – entstehen in solchen Gesprächen neue Ideen, Inspiration und konkrete Lösungen für Herausforderungen, die wir alleine vielleicht gar nicht erkannt hätten. Dieser Dialog auf Augenhöhe hat uns gezeigt, dass die Qualität des Kindertrainings nicht nur von einer Person, sondern von einer gemeinschaftlichen Weiterentwicklung getragen wird, die wir auch Gruppen-intern in Stuttgart weiter fortsetzen werden.
Unser persönliches Fazit
Für uns war dieses Seminar nicht nur eine Fortbildung, sondern ein echtes Erlebnis voller Inspiration. Wir gehen mit frischem Blick, klaren Konzepten und neuen Ideen nach Hause – und sind voller Energie, das Gelernte mit unseren Schüler:innen umzusetzen. Besonders der Austausch mit anderen Trainer:innen hat uns gezeigt, dass wir Teil einer größeren Bewegung sind, die sich gegenseitig stärkt und weiterbringt.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Kindertraining ist weit mehr als Unterricht – es ist ein Beitrag zur Entwicklung der nächsten Generation. Capoeira ist dafür ein einzigartiges Werkzeug, das wir mit Verantwortung, Freude und Kreativität einsetzen dürfen. Wird danken hierbei auch den Organisatoren Professor Vitrola (Gandia) und Licuri (Alicante) von der Capoeira Schule Faca de Ticum.
Axé,
Mestre Dedé & Professor Raj
Online-Kurs „PRO Certificação em Capoeira-Educação“
Parallel zum Präsenzseminar möchten wir auf Mestre Ferraduras Online-Kurs „Curso PRO Certificação em Capoeira-Educação“ hinweisen.
Kurz zusammengefasst: Dieser Kurs bietet eine zertifizierte Weiterbildung für Capoeira-Lehrende mit exklusiven Inhalten, kontinuierlicher pädagogischer Begleitung, Live-Meetings, Austauschgruppen und didaktischen Materialien. Ziel ist es, Trainer:innen darin zu unterstützen, Kindertraining qualitativ hochwertig, sicher und spielerisch aufzubauen.
Mestre Ferradura & IBCE
Mestre Omri Ferradura Breda ist Präsident des Instituto Brasileiro de Capoeira-Educação (IBCE), das Capoeira als pädagogisches Werkzeug für soziale Transformation einsetzt. Mit Projekten weltweit – von Schulen bis zu sozialen Einrichtungen – verbindet das IBCE Capoeira mit Bildung, Kultur und Gemeinschaft.






















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